Beeinflussen TikTok, Instagram & Co bald unsere Wahlergebnisse stärker als traditionelle Medien? Immer mehr Menschen informieren sich über Politik auf Social Media – vor allem junge Wähler lassen sich durch die Meinungen von Influencern inspirieren. Wahlkampf findet längst nicht mehr nur auf Plakaten oder im Fernsehen statt, sondern direkt auf den Bildschirmen unserer Smartphones. Ein aktuelles Beispiel: Bundeskanzler Olaf Scholz erscheint in einem TikTok Video mit Influencer Brooklyn – ein Versuch, junge Zielgruppen auf einer Plattform zu erreichen, die früher kaum mit Politik in Verbindung gebracht wurde. Doch wie effektiv ist diese Strategie wirklich? Wie nutzen Politiker und Parteien Influencer für ihre Kampagnen? Und wo liegen die Chancen und Risiken dieser neuen Form des digitalen Wahlkampfs?
Inhalt
- Die digitale Transformation des Wahlkampfs
- Die Rolle von Influencern in der Politik
- Chancen von Influencer Marketing im Wahlkampf
- Herausforderungen und Risiken
- Fazit und Ausblick
1. Die digitale Transformation des Wahlkampfs
Der Wahlkampf hat sich in den letzten Jahren radikal verändert. Es ist unrealistisch zu glauben, dass politische Kommunikation heute noch ohne digitale Medien funktioniert. Wer die Digitalisierung meidet, verliert - denn politische Diskussionen finden längst online statt. Social-Media-Plattformen wie Instagram, TikTok, X und YouTube sind zu zentralen Kanälen geworden, über die Politiker ihre Botschaften direkt an potenzielle Wähler übermitteln. Traditionelle Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen haben zwar noch Einfluss, doch ihre Reichweite schrumpft – besonders bei jungen Menschen. Viele Wähler der Generation Z konsumieren Nachrichten hauptsächlich über soziale Netzwerke, oft in Form von kurzen, prägnanten Videos oder Beiträgen von Influencern. Wer als Politiker nicht auf diesen Plattformen präsent ist, riskiert, ganze Wählergruppen nicht zu erreichen.
2. Die Rolle von Influencern in der Politik
Schon bei der Europawahl 2019 haben Influencer gezielt Einfluss auf die Politik genommen. Der YouTuber Rezo sorgte mit seinem Video “Die Zerstörung der CDU” für bundesweites Aufsehen. Das Video, in dem er scharfe Kritik an der Regierungsarbeit und Klimapolitik der CDU/CSU äußerte, ging viral und wurde über 19 Millionen Mal aufgerufen. Infolgedessen änderte sich das politische Stimmungsbild spürbar: Die CDU/CSU rutschte in den Umfragen zur Sonntagsfrage von fast 32 Prozent auf nur noch 28 Prozent ab. Die Grünen hingegen kletterten von 16 auf fast 23 Prozent – besonders in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen zeigte sich ein deutlicher “Rezo-Effekt”. Rezos Video war allerdings nicht der einzige Faktor. Auch die Artikel-13-Debatte, Fridays-for-Future-Proteste und die Unzufriedenheit mit der Großen Koalition spielten eine Rolle. Diese Faktoren haben zusammen mit Rezos Video vermutlich dazu beigetragen, dass sich insbesondere junge Wähler stärker von der CDU abwandten und den Grünen zuwandten.
Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Influencer eine neue Macht in der politischen Meinungsbildung darstellen. Vor allem junge Menschen, die sich oft weniger über klassische Nachrichtenformate informieren, beziehen politische Inhalte über Social Media. Sie vertrauen Influencern mehr als traditionellen Medien oder Parteiaussagen, da sie diese als authentischer wahrnehmen. Politische Parteien und Entscheidungsträger haben dies erkannt und setzen zunehmend auf Influencer-Kooperationen, um junge Wähler zu erreichen. Während einige Influencer aktiv politische Positionen vertreten, sehen andere ihre Aufgabe darin, Informationen bereitzustellen und Diskussionen anzuregen. Dieses Spannungsfeld zwischen politischer Neutralität und Meinungsbildung macht ihren Einfluss besonders komplex und gleichzeitig umso bedeutender für den modernen Wahlkampf.
3. Chancen von Influencer Marketing im Wahlkampf
3.1 Politische Influencer
Politische Influencer haben auf Social Media eine große Reichweite und genießen bei ihrer Community oft ein hohes Maß an Vertrauen. Durch ihre Präsenz und Glaubwürdigkeit beeinflussen sie politische Meinungen und Diskussionen. Sie nutzen ihre Plattform, um über aktuelle Themen, gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen zu informieren – oft in einer Weise, die für ihre Follower verständlicher und zugänglicher ist als traditionelle Medien. Besonders wertvoll sind Influencer, die politische Inhalte neutral und anschaulich erklären. Marvin Neumann und MRWissenToGo sind Beispiele für Creator, die über komplexe Wahlprogramme verständlich aufklären und so dabei helfen, dass sich junge Menschen fundierter mit Politik auseinandersetzen.
3.2 Analyse der Social-Media-Strategie deutscher Spitzenpolitiker
Politiker nutzen Plattformen wie Instagram, TikTok und X (ehemals Twitter), um selbst als Influencer ihrer Parteien zu agieren, ihre Botschaften zu verbreiten und insbesondere jüngere Zielgruppen zu erreichen. Diese Analyse untersucht die Social-Media-Strategien ausgewählter deutscher Spitzenpolitiker, vergleicht deren Erfolg anhand von Follower-Zahlen, Engagement und Reichweite und bewertet, wie effektiv ihre Ansätze sind.
Friedrich Merz (CDU)
Friedrich Merz teilt vor allem Reden, politische Statements und Interviews auf seinen Social-Media-Kanälen. Der Fokus liegt auf sachlicher Kommunikation, ohne den Einsatz humorvoller oder emotionaler Inhalte. Es fehlen auch interaktive Formate oder persönliche Einblicke, die eine engere Verbindung zu den Followern herstellen könnten. Die Social-Media-Strategie von Merz ist solide, aber nicht besonders interaktiv. Die Inhalte sprechen vor allem eine konservative Zielgruppe an, die klassische politische Kommunikation bevorzugt. Die geringe Anzahl an Followern auf TikTok und Instagram sowie die schwache Interaktion lassen darauf schließen, dass seine Strategie auf diesen Plattformen wenig erfolgreich ist.
Erfolg: Durchschnittlich. Die Reichweite ist begrenzt, und es mangelt an Engagement, was die Wirksamkeit seiner Social-Media-Kommunikation einschränkt.
Follower-Zahlen: Instagram: 179.000 TikTok: 52.700 X: 388.000
Olaf Scholz (SPD)
Olaf Scholz verfolgt eine Mischung aus politischer Kommunikation und unterhaltsamen Elementen. Neben Reden und politischen Statements veröffentlicht er auch humorvolle Inhalte, in denen er sich selbstironisch zeigt. Er ist aktiv in der Interaktion mit seinen Followern, insbesondere durch das Beantworten von Kommentaren und das Posten persönlicher Videos. Scholz hat eine gute Balance zwischen Unterhaltung und Politik gefunden, was besonders auf TikTok und Instagram gut ankommt. Die hohe Interaktion mit seinen Followern und der Einsatz von humorvollen Inhalten erhöhen das Engagement und machen ihn besonders für jüngere Zielgruppen attraktiv. Dennoch gibt es gelegentlich Kritik an der Authentizität einiger humorvoller Inhalte, die als gezwungen wahrgenommen werden könnten.
Erfolg: Hoch. Die Social-Media-Strategie ist auf TikTok besonders erfolgreich und zeigt, wie Humor und Interaktion eine breitere Zielgruppe erreichen können.
Follower-Zahlen: Instagram: 247.000 TikTok: 147.000 X: 650.000
Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen)
Robert Habeck dokumentiert seine politischen Reisen und Bürgergespräche, wobei er einen authentischen und persönlichen Zugang zu seinen Followern pflegt. Er setzt auf professionelle Videos, die seinen politischen Einsatz und seine Gespräche mit Bürgern zeigen. Habeck hat auf Instagram eine starke Präsenz mit authentischen und hochwertigen Inhalten. Er vermeidet die Selbstinszenierung und setzt stattdessen auf echte Einblicke in seine Arbeit.
Erfolg: Hoch. Habeck hat sich als nahbarer Politiker positioniert, was besonders auf Instagram gut ankommt.
Follower-Zahlen: Instagram: 574.000 TikTok: 94.000 X: 126.000
Christian Lindner (FDP)
Christian Lindner nutzt Social Media für politische Statements, Reden und wirtschaftspolitische Diskussionen. Dabei setzt er auf professionelle Videoaufnahmen sowie auf persönliche Ansprache über „Selfie“-Videos. Dies unterstreicht seine Seriosität, ohne dabei zu distanziert zu wirken. Lindner positioniert sich als sachlicher und kompetenter Politiker, der auf Wirtschaftsthemen fokussiert ist. Seine hohe Reichweite auf Instagram spiegelt seine Beliebtheit in wirtschaftsaffinen Kreisen wider. Dennoch könnte er auf TikTok noch lockerer und interaktiver werden, um mehr jüngere Zielgruppen anzusprechen.
Erfolg: Hoch. Lindner hat sich als Politiker mit hoher Reichweite etabliert, jedoch mit Potenzial für mehr Interaktivität auf TikTok.
Follower-Zahlen: Instagram: 574.000 TikTok: 94.000 X: 126.000
Heidi Reichinnek (Die Linke)
Heidi Reichinnek nutzt vor allem Erklärvideos zu politischen Themen wie „How To Bundestagswahl“ und dokumentiert ihre Reden und Talkshow-Auftritte. Ihre Inhalte sind emotional aufgeladen und zielen darauf ab, ihre politischen Botschaften und Standpunkte klar und prägnant zu vermitteln. Sie hat eine große Reichweite auf TikTok, wo sie mit informativen und teilweise emotionalen Kurzvideos erfolgreich ist. Ihre Inhalte sind besonders bei jüngeren, politisch interessierten Menschen beliebt. Auf X hat sie hingegen weniger Erfolg, da ihre Inhalte hier weniger polarisierend wirken.
Erfolg: Sehr hoch. Besonders auf TikTok erreicht sie eine breite und politisch engagierte Zielgruppe.
Follower-Zahlen: TikTok: 468.000 Instagram: 297.000 X: 34.000
Alice Weidel (AfD)
Alice Weidel setzt auf polarisierende Inhalte, die auf Kontroversen und emotionale Reaktionen abzielen. Ihre Social-Media-Präsenz wird vor allem durch politische Statements und Talkshow-Ausschnitte geprägt, in denen sie klare politische Positionen bezieht. Weidel erzielt hohe Reichweiten auf TikTok und X, wo ihre polarisierenden Inhalte eine starke Anhängerschaft finden. Die hohe Interaktion auf ihren Kanälen zeigt, dass sie eine treue und aktive Community aufgebaut hat.
Erfolg: Sehr hoch. Ihre Social-Media-Strategie erreicht eine große Anhängerschaft.
Follower-Zahlen: TikTok: 790.000 Instagram: 458.000 X: 959.000
Sahra Wagenknecht (BSW)
Sahra Wagenknecht setzt auf die direkte Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen und kritische Kommentare zu wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Ihre Inhalte sind oft auf aktuelle Nachrichten bezogen. Wagenknecht hat eine starke Präsenz auf X, wo sie sich mit politischen Kommentaren und Analysen einen Namen gemacht hat.
Erfolg: Sehr hoch. Sahra Wagenknecht hat sich in den sozialen Medien als eine der erfolgreichsten Politikerinnen positioniert, die mit klarer politischer Haltung polarisieren kann.
Follower-Zahlen: TikTok: 511.000 Instagram: 271.000 X: 755.000
3.3 Politiker in Videos bekannter Influencer
Einige Spitzenpolitiker haben auch Kooperationen mit anderen Influencern längst für sich entdeckt. Robert Habeck, Christian Linder und Olaf Scholz waren zu Gast im YouTube-Entertainment-Format WorldWideWohnzimmer (1,42 Millionen Abonnenten). Sie konnten mit trockenen Sprüchen sicherlich einige Zuschauer zum Schmunzeln bringen. Aber reicht das wirklich aus, um junge Wähler zu erreichen? Das bleibt bis zur nächsten Bundestagswahl abzuwarten. Zusätzlich versuchte Olaf Scholz, sich auf TikTok einem jüngeren Publikum zu präsentieren. In einem Video mit dem Influencer Brooklyn erreichte er fast acht Millionen Aufrufe. Die Reaktionen in den Kommentaren waren gemischt – von “Olaf Scholz, bester Mann” bis hin zu kritischen Stimmen wie “Nicht vergessen, er macht das nur wegen des Wahlkampfs”. Dies zeigt, dass Influencer-Kooperationen zwar eine große Reichweite generieren können, aber nicht zwangsläufig uneingeschränkt positiv aufgenommen werden.
4. Herausforderungen und Risiken
Der wachsende Einfluss von Influencern auf die Politik birgt nicht nur Chancen, sondern auch erhebliche Risiken. Eine der größten Herausforderungen ist die Verbreitung von Fehlinformationen und Fake News. Besonders problematisch ist, dass Social-Media-Plattformen oft nur unzureichend gegen Desinformation vorgehen, während Influencer mit großer Reichweite Inhalte schnell viral verbreiten können. Ein Beispiel hierfür ist der umstrittene Livestream von Tesla-Gründer Elon Musk auf X (ehemals Twitter) mit AfD-Politikerin Alice Weidel. Musk, der mit über 213 Millionen Followern eine der einflussreichsten Persönlichkeiten auf der Plattform ist, bot Weidel eine Bühne für ihre falsche Behauptung über Hitler als “kommunistischen sozialistischen Typen”. Solche Fehlinformationen können sich rasch verbreiten und das politische Meinungsbild beeinflussen.
Ein weiteres erhebliches Risiko liegt im Algorithmus von Social-Media-Plattformen. Diese zeigen einem immer mehr Videos an, die den bereits angesehenen ähneln, wodurch man in einer sogenannten Algorithmus-Bubble landet. Daraus herauszukommen, ist schwer, da einem zunehmend ähnliche Inhalte zugespielt werden. Dies bedeutet, dass, wenn man Fake News oder Hetzvideos konsumiert, einem solche Inhalte immer häufiger angezeigt werden, was das Risiko der Verbreitung von Desinformation und radikalen Meinungen verstärkt.
Darüber hinaus kann der Versuch, politische Botschaften über Influencer zu vermitteln, auch nach hinten losgehen – wie die “Lass dich impfen”-Corona-Kampagne der Bundesregierung im Jahr 2021 zeigte. Influencer wie Alicia Awa, SelfieSandra, Diademlori, Twenty4Tim und Inscope21 produzierten Videos, die zwar viral gingen, aber stark kritisiert wurden. Statt auf sachliche Argumente zu setzen, wurden übertriebene Klischees und herablassende Vergleiche genutzt: “Ich lass mich nicht impfen, weil ich Angst vor der Nadel hab. Hattest du auch Angst, als du dich botoxen lassen hast?” oder “Ich lass mich nicht impfen, weil’s mir zu lange dauert. Aber jedes Wochenende vorm Club Schlange stehen, vorher drei Stunden für Haare, Nägel und Make-up? Aber fürs Impfen kurz beim Arzt zu warten, unmöglich?“. Solche Aussagen wirkten bevormundend und respektlos gegenüber der Zielgruppe, was zu einem gegenteiligen Effekt führte.
Diese Beispiele zeigen: Politische Kommunikation mit Influencern muss gut durchdacht sein. Authentizität, Transparenz und eine respektvolle Ansprache sind entscheidend, um Glaubwürdigkeit zu bewahren und die gewünschte Wirkung zu erzielen. Andernfalls kann der Einsatz von Influencern nicht nur ineffektiv sein, sondern auch das Vertrauen in politische Institutionen weiter untergraben.
5. Fazit und Ausblick
Influencer sind längst ein fester Bestandteil des modernen Wahlkampfs – mit weitreichenden Chancen und Risiken. Während sie eine enorme Reichweite und Glaubwürdigkeit bei jungen Wählern genießen, zeigt sich auch, dass ihr Einfluss nicht immer planbar ist. Politische Kommunikation über Social Media kann Wähler mobilisieren, aber auch Skepsis hervorrufen, wenn sie nicht authentisch wirkt oder fehlgeleitet wird. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, wie Parteien und Politiker den digitalen Wahlkampf weiterentwickeln. Werden sie lernen, Influencer gezielter und glaubwürdiger einzusetzen? Oder wird der Vertrauensverlust durch Fehlinformationen und ungeschickte Kampagnen zunehmen? Klar ist: Social Media wird als politisches Instrument immer wichtiger – und die Debatte über die Rolle von Influencern im Wahlkampf ist noch lange nicht vorbei.